THE "ich bin's" SELBST (0,5 sek.)

Jan Winkelmann

Zum ersten Mal sah ich Arbeiten von Thomas Eller auf der Art Frankfurt 1990. Auf beiden Stockwerke der Halle 1 verteilt, standen überall ca. 80 cm hohe Figuren, S/W Photographien von Eller selbst, auf Aluminium kaschiert. Ich konnte kaum zwei Schritte tun, ohne wieder über eine Figur zu stolpern. Eine eigenartige Faszination ging von ihnen aus. Auf den ersten Blick sahen sie aus wie Zwerge, täuschend echt. Durch das Ausschneiden der Figur werden sie von ihrem zweidimensionalen photographischen Hintergrund gelöst, integrieren sie sich für den Betrachter in die reale, dreidimensionale Umgebung. Erst bei genauerem Betrachten nahm ich war, daß sie mit den Schuhspitzen den Boden gar nicht berührten und zu schweben scheinten. "Also doch keine echten Menschen." Die Freude war groß, als ich Thomas Eller auf der Messe flanieren sah, ihn, im selben uniformen schwarzen Anzug wie auf den Photos, wiedererkannte.

Ein halbes Jahr später, auf der Art Cologne steht mir plötzlich eine überlebensgroße schwarze Katze gegenüber, den Blick nach rechts unten gerichtet, auf eine Figur von Thomas Eller. Auch diesmal traf ich ihn wieder, am frühen Morgen in einer Bar, wieder im selben schwarzen Anzug, in Begleitung einer hübschen jungen Dame. Ständig kurz davor ihn anzusprechen, er war mir ähnlich vertraut wie die Serienhelden aus dem TV, stellte ich mir die Frage nach dem Sinn dieses Exhibitionismus. "Ich könnte so etwas nicht." Obwohl ich mich zu diesem Zeitpunkt mit einer gesunden Portion Selbstvertrauen ausgestattet glaubte, hatte der Gedanke einer Eller'schen Präsentation meines Selbst etwas befremdliches. Ich merkte, daß es dem Künstler nicht um die Zurschaustellung seiner eigenen Person geht, sondern vielmehr um das Infragestellen der Persönlichkeit des Betrachters. Ich sah mich zurückgeworfen auf die Frage: "Wer bin ich?"

Nun, im April 1992, wir haben uns längst kennengelernt, hat Thomas Eller für Ausstellung TIEFGANG. Bildräume im Schloßbunker eine Installation verwirklicht, die den Betrachter ebenso irritieren und infragestellen will, wie frühere Arbeiten des Künstlers. Betritt man den Raum, gleitet der erste Blick nach links. Vor der schmalen Seitenwand sieht man eine Figur Ellers, in bewährter Manier als S/W-Photo auf Alucubond kaschiert und ausgeschnitten, schweben. Die rechte Hand in der Hosentasche, die linke locker am Körper herabhängend, mit dem üblichen emotionslosen Gesichtsausdruck. Schaut man rechts, sieht man eine zweite vermeintlich identische Figur vor der gegenüberliegenden Wand stehen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß man in die Schußbahn zweier Kontrahenten geraten ist: Die Figur an der linken Wand scheint schneller zu ziehen, da sich der mit dem Zeigefinger angedeutete Colt eine Idee weiter vom Körper entfernt befindet.

In Wirklichkeit handelt es sich um das gleiche Photo: das Rechte eine halbe Sekunde, die Zeit die der Betrachter benötigt, um den Kopf von links nach rechts zu drehen, nach dem Linken aufgenommen.

Die Polarität die sich durch die langgezogene Form des Raumes ergibt, deren Wirkung durch die Verkleinerung der Figur an der rechten Wand zusätzlich verstärkt wird, nutzte Eller um eine Duellsituation zu stilisieren, und somit über den formalen hinaus, einen inhaltlichen Bezug zum Ausstellungsraum herzustellen.

Der Betrachter wird, durch den direkten Blick der Figuren auf ihn, angesprochen. Eine zusätzliche Irritation entsteht durch die unlogische Verdopplung der gleichen Person. So mancher Besucher wird sich die Frage stellen: "Wer ist Thomas Eller?" und vielleicht auf der Suche nach einer Antwort, wie ich, auf die Frage stoßen: "Wer bin ich?"

veröffentlicht in: TIEFGANG. Bildräume im Schloßbunker, hrsg. von Roland Scotti und Jan Winkelmann, Mannheim: Signet Verlag 1992

© 1992 Jan Winkelmann

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