THE ! SELBST

Jan Winkelmann

Betritt man den Ausstellungsraum im Wilhelm-Hack-Museum, so sieht man sich mich 23 unterschiedlich großen, im Raum verteilten Photo-Figuren gegenüber. Es sind Figuren mit Potographien von Thomas Eller, doch treten sie nicht in einer für seine Arbeit gewohnten Weise, als unveränderte Ganzkörperphotographien, in Erscheinung. Die natürlichen menschlichen Proportionen sind stark verändert. Wie die Zerrbilder in einem Spiegelkabinett wirken die Körper deformiert und in sich verschoben. Es hat den Anschein, als ob sie sich bewegen, sich schraubenförmig emporwinden. Sie sind extrem in die Länge gezogen, fast erinnern sie mit ihren überlängten Gliedmaßen an gotische Skulpturen und in ihrer Dynamik sind sie der Figura serpentinata des Manierismus und des Barock ähnlich. Die Figuren strahlen eine merkwürdige Unruhe aus, es scheint als würde sie Scotty gerade in den Ausstellungsraum beamen, als würden sie sich in diesem Moment zu fester Substanz materialisieren. Thomas Eller versucht hier die Wahrnehmung des Betrachters auf verschiedenen Ebenen elementar zu stören, indem er die Figuren ausschneidet. Dadurch befreit er sie von ihrem ebenfalls verzerrten und verschobenen zweidimensionalen, photographischen Hintergrund. Durch das Aufkleben auf Aluminium wird das Photo sozusagen verfestigt und kann als Skulptur im Raum aufgestellt werden. Da die Photographien ihr Bezugssystem, den weggeschnittenen Bildhintergrund, verloren haben, werden sie vom Betrachter wahrnehmungspsychologisch in dessen reale dreidimensionale Umgebung integriert. Bildraum und Realraum durchdringen sich wechselseitig.

Mit der Installation THE ! SELBST knüpft Thomas Eller thematisch an eine Ausstellung in der Galerie Anselm Dreher in Berlin im Juni 1990 an. Bei dieser Präsentation mit dem Titel THE Sublime SELBST trat dem Betrachter in einem weißen Galerieraum eine einzige nur 25 cm große Photofigur Thomas Ellers gegenüber. "Die Unverschämtheit der Präsenz ließ keinen Raum für die Frage nach der Frage der Präsenz" (Sam Rose). Ähnlich verhält es sich hier: Dem Betrachter stellen sich die mittels aufwendiger Computertechnik manipulierten, deformierten Figuren in den Weg. Sie sind da und in ihrer Selbstverständlichkeit verunsichern sie den Betrachter. Die Figur Thomas Ellers verweist hier nicht wie in anderen Arbeiten auf eine weitere Bildebene, oder nimmt einen unmittelbar inhaltlichen Bezug zum Ausstellungsort auf. Sie sind da.

Der Künstler führt uns hier eine Form der Wahrnehmung von Wirklichkeit vor, die an einen Grenzbereich des Mediums Photographie führt: die Abbildhaftigkeit von Realität. Indem die Photographien mit Hilfe des Computers digitalisiert, am Bildschirm bearbeitet und im Anschluß daran wieder als Negativ ausbelichtet werden, ähnelt diese Handhabung des Mediums dem anderer gestalterischer Medien, die, wie die Malerei als rein subjektive Wirklichkeitserfindungen gelten. Dennoch wird dieser manuelle Eingriff nicht als solcher deutlich sicht- und für den Betrachter, nachvollziehbar. Die Photographie gibt hier nur scheinbar vor, ein unverfälschtes Abbild der Wirklichkeit zu sein. Aber ist in diesem Fall der Begriff des Abbildes, der Photographie als Abbildung überhaupt noch zutreffend?

veröffentlicht in: Wer ist Thomas Eller, Ausst. Kat. Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen am Rhein 1994

© 1994 Jan Winkelmann

home