die tageszeitung 20. August 1996

Kleine, winzige und unauffällige Kunst


Schon gelangweilt verfolgte man in den letzten Jahren die Versuche, der Bildenden Kunst ein Publikum zu verschaffen, indem man sie an Orten präsentierte, die dafür nicht geschaffen waren. Selten allerdings gelang es, die Arbeiten so zu situieren, daß die gewünschte Wirkung (die "normalen" Leute erreichen, "neue" Räume erobern, Kunst ist wichtig etc.) den thrill für die sowieso schon Eingeweihten übertraf.

Die Ausstellung "fast nichts/almost invisible" unterscheidet sich mehrfach davon. Der vielleicht wichtigste Unterschied ist, daß sie in der nahe dem Bodensee gelegenen Kleinstadt Singen stattfindet. Zwar leistet man sich dort ein Kunstmuseum, das auch organisatorischer Träger von "fast nichts" ist. Dennoch beherbergt das Städtchen keine metropolitanen KunstkennerInnnen, die gewohnt sind, in pittoresken Hafenanlagen oder stillgelegten Fabrikgebäuden (wahlweise: Lagerhallen, U-Bahnschächten) aktuelle Kunst geboten zu bekommen. Ohne die Singener BürgerInnen als von den aktuellen Kunsttendenzen bisher unberührte Versuchskaninchen abstempeln zu wollen, ist die Chance nicht klein, mit dieser Gruppenausstellung zwei Ziele zu erreichen: neuer Kunst neue Interessenten zuzuführen, einen am Rande ihrer Gemeinde liegenden Raum zu entdecken.

Die Ausstellung findet in einem ehemaligen Umspannwerk statt. Das zweistöckige Gebäude wurde 1912 erbaut und ist seit 1970 nicht mehr in Betrieb. In der Zwischenzeit wurde es ab und an für Kulturelles oder als KünstlerInnenatelier genutzt. Die Stockwerke sind von langen, weißgetünchten Gängen durchzogen, an denen unterschiedlich große Kojen liegen. Noch sieht man gekappte Kabelstränge, altertümliche Isolatoren aus Porzellan, Transformatoren und Schalttafeln mit für die/den NichtelektrikerIn kryptischen Beschriftungen. Einige Gebäudebereiche sind abgesperrt, das Ganze macht durch die Höhe des Erdgeschosses einen übermächtigen und in den oberen Stockwerken einen eher engen bis klaustrophobischen Eindruck.

Die Arbeiten der 21 beteiligten internationalen KünstlerInnen sind dem Titel entsprechend klein, winzig, unauffällig, fast nicht wahrnehmbar. Wer ohne den ausliegenden Plan durch das Gebäude geht, muß schon eine ausgesprochene Spürnase haben, um die Werke zu entdecken. Aber das ist sicherlich einer der Reize dieser Ausstellung: vor dem aus Polyurethan geschnitzten "Kleinen Kübel" (1994) von Fischli/Weiss stehen und denken, daß er von Handwerkern nach einer der zwischenzeitlichen Renovierungen dort auf dem Mauervorsprung vergessen wurde. Diese Arbeit gehört zu denen, die sich dem Raum anschmiegen, ohne daß sie für ihn gemacht wurden. Sie dient deshalb als Beispiel dafür, daß die kurze Vorbereitungszeit, die dem Kurator Jan Winkelmann zur Verfügung stand, nicht unbedingt von Nachteil war. Die meisten KünstlerInnen hatten keine Gelegenheit, sich den Raum anzuschauen und speziell auf ihn bezogene Arbeiten anzufertigen. Winkelmann mußte also in den meisten Fällen auf schon an anderen Orten gezeigte Stücke zurückgreifen. Aber gerade das ermöglichte eine gezielte Auswahl, die das praktische Gelingen des Konzeptes ermöglichte.

Es war nicht beabsichtigt, ein weiteres Mal der Kunst zuzugestehen, sie könne dem Raum, in dem sie gezeigt wird, seine Eigenheit abspenstig machen. Beim Durchgang durch die Ausstellung changiert das Umspannwerk zwischen Präsenz und Transzendenz (und entspricht so auch noch entfernt dem Wunschthema "Strom" des als Sponsor auftretenden kommunalen Energieversorgungsunternehmens). Denn einerseits erdrückt die ungewöhnliche, einst funktionale Innenarchitektur des Baus die Wahrnehmung der unscheinbaren Kunst; tritt aber andererseits fast vollständig zurück, wenn man z. B. die "Staubskulptur" Erwin Wurms (1996), die transparente Plexiglasscheibe ("Ohne Titel", 1990) von Gerwald Rockenschaub und den weißen "Pinselstrich" (1994) auf einem einfachen kleinen Bilderhalter an weißer Wand von Karin Sander entdeckt hat.

Auch jene Arbeiten, die extra für "fast nichts" erstellt wurden, sind eher von Respekt als von Polemik geprägt: der unauffällig angebrachte Spion von Andreas Kaufmann ("Ohne Titel", 1996), der den Durchblick in einen abgesperrten Gebäudeteil ermöglicht, oder Matthis Neidharts Sicherheitsausweise, die sich die BesucherInnen beim Eintritt anzuheften haben ("Sicherheit", 1996). Simone Westerwinter und Rirkrit Tiravanija gewannen dem Ausstellungstitel andere Aspekte ab. Westerwinter nötigte den Kurator, während der Vernisssage mit ihr eine Flasche Jack Daniels zu leeren, während er von Tiravanija den Auftrag bekam, die VernissagebesucherInnen mit Schupfnudeln zu bekochen. Beide Arbeiten sind in Form ungespülten Geschirrs und einer leeren Whiskyflasche noch vorhanden als Zeugnisse eines für einige Stunden dauernden kommunikativen Aktes.

Einen solchen nahm auch die zuständige Wach- und Schließgesellschaft vor. Sie interpretierte eines Abends Maurizio Cattelans zusammengeknotete, aus dem zweiten Stock heraushängende Bettlaken ("Una domenica a Rivara", 1992) als Fluchtwerkzeug von Kunstdieben. Sofort überprüfte der Wachmann den Bestand im Gebäude, sah keine Kunst, wähnte alles gestohlen und informierte die am Orte Verantwortlichen. Sie konnten den Mann mit einer kurzen Erklärung beruhigen.

Martin Pesch

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