neue bildende kunst 5/96, Oktober November

fast nichts/almost invisible in Singen/Hohentwiel


Nachdem die größeren Gruppenausstellungen des Jahres sich um das Umfangreiche und Riesige bemühten, wirkt eine Ausstellung, die sich augenscheinlich mit "fast nichts beschäftigt", wie ein Urlaub im Schwäbischen. Sie wurde in einem ausgedienten Umspannwerk vom Mannheimer Kurator Jan Winkelmann zusammen mit dem Singener Kunstmuseum konzipiert. Dort versuchen sich 21 Künstler an der kleinteilig gestaltpsychologischen Produktion von Winzigem und Verlegtem, Abseitigem und Übersehenem. Vom Aufsichtspäarchen mit Handschlag begrüßt verständlich angesichts der ländlichen Idylle trifft man die Aufsichtsdame pulloverstrickend vor dem Werkstor an, während ihr Partner beflissen daran geht, Mathis Neidharts Sicherheitskonzept zu erläutern einen anzuheftenden Securitypass samt Eintrag ins Besucherverzeichnis. Jener Pulli übrigens ist Tobias Rehbergers Beitrag zur Ausstellung, und wird später einem seiner Freunde vermacht.

Betritt man das verwinkelte Gebäude, sucht man in jeder Ecke das Verschwinden der Kunst in die Site-Specificity und stößt dabei auf die Kunst des Verschwindens: Was man entdeckt, ist fast nichts anderes als das Spiel mit der eigenen Zulänglichkeit: Jedes Werksschild und jede Keramikisolierung könnten Ausstellungsgegenstand sein; der Lageplan zu den Objekten wird unentbehrlich, und sucht man auf eigene Faust, wird man Erwin Wurms Staubskulptur umstoßen bei der Suche nach Karin Sanders Pinselstrich oder Anatolij Shuravlevs millimetergroße, an einer gigantischen Wand angebrachte Fotografien kognitiv umgehen. So sensibilisiert wirkt der Kübel von Fischli & Weiss geradezu so typisch, daß man ihn genau deswegen ignorieren möchte.

In "Der entwendete Brief" beschreibt E.A. Poe, daß gerade das nicht versteckte Objekt verschwindet. Andreas Slominskis Beitrag besteht folgerichtig in einem wie beiläufig hinterlegten und an Hans-Ulrich Obrist adressierten Brief, dessen Marke "von einer Giraffe befeuchtet" wurde, wie die Aufsicht hinzufügt. Laut Lacan erreicht ein Brief immer seinen Bestimmungsort; das ist rührend. Das Aufsichtspärchen winkte noch lange nach. Ob der Pulli rechtzeitig fertiggeworden ist?

Martin Conrads

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