Kunstforum International Bd. 135, Oktober 1996 Januar 1997

"fast nichts/almost invisible"


Es gibt Ausstellungen, da lernt man was. Bei "fast nichts/almost invisible" war der Unterrichtsgegenstand allerdings nicht so sehr die gute Auswahl an Kunstwerken, sondern die Tatsache, daß sie gewissermaßen überflüssig waren. Der Ort des Geschehens war ein stillgelegtes Umspannwerk aus den 10er Jahren, fast schon wieder außerhalb der Stadt gelegen, am Fuße des Hohentwiel. Der Ausstellungstitel verriet schon vorbeugend, daß wenig zu sehen sein würde. Und daß die Werke der 21 Künstler auch schwer zu finden waren, war ebenfalls Kalkül: Wie bei feiner Kammermusik sollte "die minimale materielle Präsenz der Werke" aufgewogen werden vom "umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihren geistigen und inhaltlichen Dimensionen" (Pressetext). Man hätte natürlich auch mit der ehemaligen Gebäudefunktion argumentieren können: So wie früher das zentrale Element, also der transformierte und verteilte Strom, unsichtbar war, so sollten auch die heutigen Energiequellen, die Kunstwerke eben, sich der Immaterialität anzunähern suchen.

Also Laufzettel in die Hand und auf die Suche gemacht. Am Eingang strickte die Aufsichtsperson einen Pullover nach Anweisung von Tobias Rehberger, von Mathis Neidhart lagen Sicherheitsausweise aus, in vier Kojen waren kleine Schulbuchfotos aus Cor Dera zu entdecken und im Treppenhaus erzählte eine Tonbandstimme einige Märchen von Sam Samore. Ohne Hilfe fand ich auch noch den "konsolidierten Museumssockel" von Beat Zoderer und in einem Kämmerchen einen beheizten Spiegel von Heimo Zobernig. Jedoch die Staubskulptur von Erwin Wurm, das kleine Männchen von Thomas Eller und die winzigen Fotografien von Anatolij Shuravlev bemerkte ich nur auf Nachfrage die Kochutensilien samt Speisereste von Rirkrit Tiravanija und das Farbschüssel-Imitat von Fischli & Weiss waren mir zwar aufgefallen aber mir fehlte der rechte Glaube. Denn auch sonst gab es viel zu sehen: wabenartige Flure, alte Kabelstränge, Schienen, Isolatoren, Schalttafeln, Patina, kurz: den ganzen Zauber einer verwunschenen Örtlichkeit. Aber wie (und warum) sollte man sich hier den Kunstwerken widmen? Wie ein Spaziergänger im Park durchschreitet man die Räume und genießt die schöne Umgebung . Kommt plötzlich eine kleine Irritation in den Blick 8möglicherweise ein Kunstwerk!), flammt kurz Interesse auf. Doch nach der "botanischen" Klassifizierung (welche/r KünstlerIn? Kontrolle auf dem Plan!) schweift die Aufmerksamkeit schon wieder weiter der Ort selbst ist ja so schön! Von meinem Gang durch die Stockwerke blieben mir vor allem die Stimmung und Bilder des Gebäudes im Gedächtnis, während ich kurze Zeit später schon Schwierigkeiten hatte, die gesehenen Kunstwerke zu erinnern.

Ach hätte man diesen Wahrnehmungsexerzitien doch einen feinen kleinen "White Cube" zur Verfügung gestellt! Im Singener Umspannwerk lief die vom Mannheimer Kurator Jan Winkelmann intendierte subtile Subversion leider viel zu oft in die Leere einer Schnitzeljagd und die Kunstwerke/Interventionen verkamen zum homöopathischen Ornament einer pittoresken Technikruine. In welch Spektakel-Tradition man dabei geraten kann, hatte Andreas Slominski mit seinem Ausstellungsbeitrag pointiert: Am Eingang wartete ein unscheinbarer Briefumschlag auf seinen Abholer. Adressiert war er an Hans Ulrich Obrist, den Spiritus Rector so mancher Site-seeing-Ausstellung (Und der Kick bei der Sache: die Briefmarke wurde von einer Giraffe angeleckt).

Neben Obrists Ausstellungen in Küchen und Kläranlagen könnte man aber auch auf große Shows wie "Chambres d'amis", "Die Endlichkeit der Freiheit", "Soonsbeck '93" oder andere mehr verweisen. Wohlwollend könnte man dabei an die Idee des Gesamtkunstwerks denken, wo im Idealfall aus dem sensiblen Wechselspiel zwischen Werk und Ort ein Mehrwert entsteht. Eine andere Hoffnung dagegen wäre, daß diese Art der Präsentation die schon so lange nomadisierenden Werke verorten könnte, daß sie eine Rekontextualisierung im Sinne der Mnemosyne, vielleicht eine Art "Erinnerungstheater" (Frances Yates), liefern könnte, d. h. die Kunstwerke bekämen so etwas wie "einen Sitz im Leben" zwar nicht funktional aber als topografisches Ereignis. Durch diese Verknüpfungen könnte man die Anzahl der virulenten Bilder im eigenen imaginären Museum erhöhen, man könnte besser vergleichen, hätte eine größere Bildung und mehr Wegmarken in den Geschichten. Und das hatte ich dann gelernt: Auch für solch Verortungen müssen Ort und Sache in einem sinnvollen (Kräfte-)Verhältnis stehen.

Vitus H. Weh

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