Henrik Schrat

Glücksrad

Projektskizze "dynamo.eintracht" 08/08/00


Ballon
In der Installation geht es um das Durchsickern von gesellschaftlichen Regeln auf ein privates und emotionales Niveau. Die SCHAM, zum Sozialamt zu gehen. Die FETISCHE, die Ein- und Ausschliessungsmechanismen bedienen. Die ANGST vor der Arbeitslosigkeit. Die LUST an der Unterordnung und die LUST an der Macht. Soziale und politische Regelwerke setzen sich über subtile emotionale Mechanismen wesentlich stärker durch als durch eine staatliche Executive. Agitation unter der Gürtellinie. Die Installation besteht aus fünf narrativen Einzelobjekten, die verschiedene Positionen in einem solchen Geschehen besetzen.

a) Der grosse Stern (Bonusfalter)
Sternförmiges Papier, beidseitig bedruckt. Die Strahlen des Sternes können eingefaltet werden, so dass die Mittelfläche verdeckt wird und ein simples Mehreck übrig bleibt.

Auf dem Stern wird die Geschichte des "Hautmanns von Köpenik" in Bild und Text erzählt. Das Geschehen geisterte als Bonmot durch die Presse und hat sich im Geschichtenrepertoire der Deutschen einen festen Platz erobert, als Parabel der Dummheit eines hirnlosen Beamtenstaates und als Rüherstück, das den Witz des einfachen Mannes zeigt, der einen Coup landet. Karl Zuckmayer hat es in einem Theaterstück zu einem "Deutschen Märchen" verdichtet, bekannt mit Harald Juhnke auf er Bühne oder mit Heinz Rühman im Film von 1956. Diese Geschichte bildet in der Form des Zuckermayer - Textes von 1931 die Folie, auf der sich das Comicgeschehen auf dem Stern entfaltet. Der grosse Stern ist zunächst ein sternförmiges Preisschild des Sonderangebotes. Es ist der Stern, der das Logo des Magazines "DER STERN" ist, und entspricht ihm in der Form. Die beiden Seiten des Sternes- Hinten und Vorn - verstehen sich als Sicht von drinnen aus der Konvention heraus und von draussen in die Konvention hinein. Die Strahlen können nach innen gefaltet werden, wodurch die Zeichnungen von der Unterseite in die Geschichte der Oberseite eingreifen. Sind alle Strahlen eingefaltet, bleibt ein geschlossene Form.
Der Stern ist das Medium.

Die Story:
1906 wurde der Schuster Wilhelm Voigt aus der Haftanstalt entlassen, und beschloss ein bürgerliches Leben zu führen. Das beginnt mit einer geregelten Arbeit. Wie er jedoch feststellen musste, war eine Anstellung nicht zu bekommen für jemanden, der keinen Aufenthaltsgenehmigung besass. Die Passstelle hingegen beschied ihm, dass jemand, der keine geregelte Arbeit nachweisen könne, auch keinen Aufenthaltsgenehmigung erhalten würde. Innerhalb dieses Zwischenraumes kreiselte Voigt. Dieses preussische Regelsystem sehr wohl verstehend, kaufte Voigt beim Trödler eine Hauptmannsuniform. Die Autorität aus diesem Mantel geboren, ging er zum Köpeniker Bahnhof, wo er mit der Autorität eines Hauptmannes einen Trupp Gefreiter zum Sondereinsatz abkommandierte, zum Köpeniker Rathaus marschierte und den Bürgermeister und seinen Kassenwart festsetzen liess. Dummerweise war das eigentliche Ziel der Übung - die Passausstellungsstelle - nicht im Rathaus sondern einige Kilometer entfernt. Da auch auf diesem Wege keine Legitimität zu erlangen war, liess er sich die Stadtkasse aushändigten, mit der "etwas nicht in Ordnung sei" und marschierte wieder zum Bahnhof. Die Gefreiten erhielten noch Geld für Bockwurst und Bier, und dann endet die Moritat. Voigt stellte sich kurz darauf der Polizei, 20 Monate später vom Kaiser begnadigt, und lebte als Schausteller von der Berühmtheit, die ihm diese Geschichte eingebracht hatte.

b) Pistolero
Zwei Plexiglasscheiben, verschraubt, dazwischen aus Lakritzstücken die Figur eines stehenden Mannes im Mantel mit Pistole

Der Schatten des Hauptmanns. Im Zwischenraum zwischen Gefängnis und dem Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft ist aus trainierter Perspektive nur ein Schatten zu sehen. Der Pistolero verhält sich zum Revolverhelden wie das Starlet zum Star. Allen gemeinsam ist, dass sie Ruhm in verschiedenen Graden haben und Geschöpfe der Projektion und des Glaubens sind. Der Pistolero ist ein Abguss, eine zweitklassige Kopie, er ist mehr Oberfläche und als Phänomen wahrhaftiger denn sein Kollege, der selbst an den eigenen Ruhm glaubt. Im Stück des Hauptmanns von Köpenik hat sich die existentielle Dramatik, des tatsächlichen Geschehens in eine Räuberpistole verwandelt. Die Figur ist eine Vorabendfigur, eine Sonntagnachmittagsfigur, die aus Lakritzschnecken, Lakritzkatzen, und aus Salinos, rhombenförmigen Lakritzstücken gebildet wird. So etwas wie ein Pfefferkuchenmann, nur schärfer. Der Pistolero ist pornografisch und sein Aufenthaltsort ist der Jahrmarkt oder das Vorabendprogramm. Er ist zwischen zwei Plexiglasscheiben gepresst, die durch eine grosse Anzahl von Schrauben mit dazughörigen Unterlegscheiben zusammengequetscht werden. Die weichen Lakritzstücke werden zusammengedrückt und geschraubt (screwed). (Fresh widow - schwarzes Kunstleder, Grosses Glas - Der Schattenriss ist nicht einmal eine verhinderte Durchsichtigkeit, er ist das Fehl en des Lichtes)

c) Fesselballon
2l Cola-Flaschen, verkehrt herum aufgehängt an mehreren Kettchen. Sie ist zur Hälfte mit Milch gefüllt und verschlossen.

Der Fesselballon ist das Logo der Installation. Über allem schwebt die Zukunft, die zu einem Fetisch der Industrie geronnen ist. Kann man ein Logo züchtigen?
1. Cola hat uns zur modernen Freiheit erzogen. Sie ist die Ikone. Cola und MTV. Die Verkündigung: Nichts liegt ferner als tumbe Autoritätsgläubigkeit. Sie steigt auf, in den Himmel, mit der Leichtigkeit eines Fesselballons. Mit Cola hätte Wilhelm Voigt kein Pass mehr gebraucht.
2. Die Flasche hängt vom Himmel herab, Kopfüber, gefesselt in Kettchen aus dem Baumarkt. Hobby - SM. Greif dir die Kleine, Colaflaschen haben eine schöne Form. Als Colabrust hängt sie da, mit dem Roten Plastikverschluss nach unten. Ihr Inhalt ist in dem Fall Milch, die in Kürze anfängt zu gären.

d) Die Jalousie
Eine Jalousie aus schwarzem Latex, aus dem als Schattenriss eine Schlange von hintereinander stehenden Menschen herausgechnitten ist.
Vom Eröffnen und Schliessen der Perspektiven.
Heruntergelassen wird die Jalousie, damit man nichts sieht, oder das die Sonne nicht hereinkommt. Sie ist die Blicksperre. Vorhang auf zum Stück, eiserner auf Vorhang auf für Wilhelm Voigt, die Freiheit hat ihn wieder. Zunächst besteht die Freiheit aus Schlange stehen, immer abwechselnd beim Passwesen und bei der Arbeitsvermittlung. Catch 22, Zirkelschluss. Der Eintritts - Vorhang der bürgerlichen Gesellschaft beibt unten, weil er deren Symbole nicht mitbringt. Er befindet sich zwischen diesen beiden, in einem leeren Zwischenraum, in einem Verdrängungsraum. Ohne Visa im Land, auf dem Flughafen, aber er kommt nicht durch den Zoll. Er ist auf deutschem Boden aber darf nicht ins Land. Sehr schön auch in der katholischen Religion: Babys nach der Geburt aber vor der Taufe und später dann nach der letzten Ölung aber vor dem Tod. Den Raum kann man nur verlassen, wenn die Zentralperspektive, die auf die Konvention zuläuft, verändert wird. Die Jalousie wird hochgezogen. Ein wenig nur: Drunter durch schauen, einen Blick erhaschen. Piep - show, solang zusehen, bis der Vorhang wieder fällt. Der Tod des Voyeurs.

e) Imperativ
Objekt, 120 cm hoch,
eine geschlossene Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger, unten abgerundet, als Stehaufmännchen gearbeitet. Der Zeigefinger ist gekappt und innen hohl.
Das Zentrum der Macht. Eine Kulissenhand, aus Pappmaché. Versatzstück aus Aufklärungsgeschichten. Den Zeigefinger haben, zeigend, belehrend, mahnend, drohend. Er kehrt mit einem gewissen stupiden Beharrungsvermögen immer wieder in die Ausgangslage zurück, egal wie sehr man ihn in eine andere Richtung drehen will. Das Stehaufmännchen pendelt sich in die Senkrechte.